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Palästina 2015

Reisen

Reisegedanken

Auf der Fahrt zum Flughafen meldete sich der Zweifel doch noch deutlich zu Wort: Welches Gefühl mag das wohl sein, wenn ich gleich im Flieger nach Tel Aviv sitze ? Dennoch, wie auch schon in den Wochen zuvor hatte ich das Gefühl, genau das Richtige zu tun: Eine Reise nach Palästina, um Land und Leute kennenzulernen. Zurückgekommen bin ich mit Eindrü-cken, die mich nicht mehr loslassen, und mit vielen Fragen.

Gleich nach meiner Ankunft in Tel Aviv merkte ich, dass ich im Nahostkonflikt angekommen war. Die Zollformalitäten am Flughafen Ben Gurion verliefen erstaunlich reibungslos. Dann musste ich gut eine halbe Stunde für ein Taxi anstehen. Als ich den Fahrer bat, mich nach Jerusalem zum Jaffator zu fahren, lehnte dieser ab. Das sei zu gefährlich, weil dort Araber mit Steinen schmissen. Er bot mir an, mich einen Kilometer entfernt vom Hotel abzusetzen, den Rest des Weges könnte ich dann ja zu Fuß gehen. Es war dunkel, ich kannte mich in Jerusalem nicht aus und hatte einen schweren Koffer dabei. Dieses Angebot lehnte ich also ab. Zum Glück fand ich wenig später einen anderen, mutigeren, Taxifahrer, der mich nach Jerusalem brachte. Die Fahrt dorthin stellte sich dann als das Gefährlichste meiner ganzen Reise dar: Als er auf der Autobahn eine Abfahrt verpasste, fuhr er auf dem Standstreifen zu-rück und das bei dichtem Verkehr … Übrigens sind mir Steine werfende Araber nicht begegnet, weder am Jaffator noch irgendwo anders.

Als Lisa und ich am Tag danach gerade beim Mittagessen in Tel Aviv saßen, erhielt ich die Nachricht, dass die Studienreise, die ich gebucht hatte und die am nächsten Tag beginnen sollte, abgesagt sei. Zunächst ergriff mich die Panik und mein erster Gedanke war: Ich muss sofort nach Hause ! Zu meinem allergrößten Glück war Lisa an meiner Seite. Sie nahm das Ruder in die Hand, vermittelte mir ein Hotel und – arabische – Fahrer für die nächsten Tage. Bei einer riesengroßen Pizza am Abend war der Ausflugsplan schnell erstellt. Und dann ging die Reise weiter … Nach Bethlehem, ans Tote Meer, nach Jericho, an den See Genezareth, nach Nazareth und natürlich habe ich die Altstadt von Jerusalem in dieser Zeit ausgiebig erkundet. An den meisten Tagen waren Lisa und ich zusammen unterwegs. Hin und wieder habe ich mich auch allein auf den Weg gemacht.

„Hörst du mir eigentlich zu ?“, fragte Lisa, als wir auf dem Berg der Versuchung nahe Jericho standen und Lisa mir die Geschichte des dortigen Klosters erklärte – wie immer war Lisa bes-tens vorbereitet. Lisa ist promovierte Archäologin und Reiseleiterin; sie lebt schon seit vielen Jahren in Israel. Ihr Wissen über die Geschichte des Heiligen Landes habe ich immer wieder bewundert. Natürlich hörte ich ihr zu. Aber in diesem Moment zog die atemberaubende Schönheit des Landes meinen Blick einfach magisch an. Ich hätte nie erwartet, dass Jericho so grün ist. Eine Oase am Rande der Judäischen Wüste.

Qarantal Kloster, Jericho

Qarantal Kloster, Jericho
Copyright Inge Bradinal

Chad kam morgens immer zu spät zu unseren Treffpunkten. Einmal haben wir eine Stunde auf ihn gewartet und Lisa schimpfte heftig mit ihm. Auch ich war ärgerlich und ich fragte mich, ob er seinen Auftrag eigentlich ernst nahm. Dann aber erfuhr ich den Grund seiner Ver-spätungen. Die Ausfahrten aus den Nachbarschaften in Ostjerusalem waren durch große Betonwürfel versperrt. Solche Betonwürfel fielen mir später auch in Dörfern des Westjordanlandes auf. Es gab jeweils nur eine Ausfahrt, an denen israelische Soldaten Checkpoints eingerichtet hatten. Und an diesen Checkpoints staute sich natürlich morgens der Verkehr. Da es für die Bewohner keine andere Möglichkeit gab, die Wohnviertel zu verlassen, konnte unser Fahrer kaum pünktlich sein.

Eigentlich ist Chad sehr nett. Nur seine Angewohnheit, während der Fahrt irgendwelche Kerne zu knabbern und deren Schalen in einer alten Coladose verschwinden zu lassen, nervte mich zunehmend. Ebenso seine großspurige Art und sein zur Schau getragenes Selbstbe-wusstsein. Dennoch, er kümmerte sich rührend um Lisa und mich und als wir in der West-bank auf der Straße 90 in Richtung Tiberias unterwegs waren, hielt er immer wieder bereitwil-lig an, wenn ich fotografieren wollte. Die Jordanebene ist wahrlich von einer atemberauben-den Schönheit, die mir die Tränen in die Augen trieb. Während der Fahrt blickten wir auf die Berge, die schon zu Jordanien gehören. Wir machten einen Stopp an Chads Lieblingssuper-markt, angeblich der beste in ganz Palästina. Nun ja, ich stand etwas ratlos in einer Art Lager-halle, die mit einem deutschen Supermarkt gar keine Ähnlichkeit hatte, allerdings mit einer unüberschaubaren Vielzahl an Waren gefüllt war. Chad kaufte Getränke und Obst und einen großen Beutel Eiswürfel für seine Kühlbox.
Bei der Weiterfahrt hat es uns doch noch erwischt. Bis dahin waren die Checkpoints kein Problem für uns. Beim Passieren des Checkpoints in Richtung Tiberias wurden wir jedoch von Grenzsoldaten herausgewunken. Was dann passierte, ist für mich immer noch unvor-stellbar. Zwei Soldaten durchsuchten das ganze Auto. Dabei wurde alles, aber auch wirklich alles, was nicht mit dem Auto fest verbunden war, entfernt. Wir mussten in einen Raum ge-hen, in dem zwei Soldatinnen unsere Taschen erst dreimal durchleuchteten und dann noch zusätzlich durchsuchten. Während dessen stand neben uns ein weiterer Soldat mit einem Gewehr bewaffnet. Lisa und ich hielten in der Zeit ziemlich gelassen ein Schwätzchen – wir merkten erst spät wie aufgeregt unser sonst so cooler Fahrer war. Chad hatte augenschein-lich Angst. Das fiel mir erst auf, als die Soldatinnen Chads Kühlbox unter die Lupe nahmen und sämtliche Eiswürfel ausräumten. Dieser Anblick rief bei mir nur Kopfschütteln hervor, Chad jedoch stand der Angstschweiß auf der Stirn. Als wir dann wieder zum Auto gehen durf-ten, bemerkte ich, dass alle anderen Autos ohne weiteres passieren durften, außer unserem wurde keines durchsucht. In der ersten Kurve nach dem Checkpoint wären wir dann fast von der Straße abgekommen, weil Chad die Kurve nicht richtig eingeschätzt hatte. Unser sonst so sicherer Fahrer war von der Grenzprozedur immer noch sehr mitgenommen. Ich fragte mich, ob es Zufall war, dass unser Auto durchsucht wurde oder ob dies daran lag, dass wir mit ei-nem palästinensischen Fahrer unterwegs waren ? Und warum hatte der so selbstsichere Chad so viel Angst ? Wie viele andere, so bleiben auch diese Fragen offen.
Die Fahrt zurück nach Jerusalem dauerte länger als gedacht. Wieder ging es entlang der Jor-danebene, die nun schon in der Dunkelheit lag. Bis zum Checkpoint kurz vor Jerusalem waren es nur noch 20 Kilometer, als es wegen eines Staus nicht mehr weiterging. Nach mehr als zwei Stunden waren wir dann endlich in Jerusalem. Der Grund für diesen Stau blieb im Un-gewissen – ein Unfall oder eine Straßensperre ? Es gab keine Informationen. So stellte ich während meiner Reise fest, dass man in Palästina ständig auf Hindernisse gefasst sein muss – welcher Art auch immer. Und ich frage mich, wie viele Schikanen ein Volk eigentlich ertra-gen kann.
„Hattest du gar keine Angst ?“ – diese Frage hörte ich des Öfteren, wenn ich nach meiner Rückkehr von meiner Reise berichtete. Nein, ich hatte zu keiner Zeit Angst. Im Gegenteil, ich hatte den Eindruck, dass Palästinenser besonders gut auf ihre Touristen aufpassen. Nach Bethlehem brachte mich Khadar – und ließ mich nicht aus den Augen. Ich hatte in ihm nicht nur einen Fahrer, sondern auch einen Einkaufsberater, einen Stadtführer und einen Body-guard. Als ich auf der Marktstraße in aller Ruhe fotografierte, merkte ich nicht, dass dort Au-tos fuhren. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Khadar die Autos anhielt. Niemand hupte; die Fahrer warteten geduldig, bis ich meine Fotosession beendet hatte. In Deutschland wäre die-se durch ein heftiges Hupkonzert jäh beendet worden, wenn ich nicht gleich im Krankenhaus gelandet wäre.
Ich glaube sagen zu dürfen, dass Lisa und ich während der Reise Freundinnen geworden sind. Beim Abschied kamen uns beiden fast die Tränen. Ein Wiedersehen ist schon geplant, denn meine Reise ist noch nicht beendet. Im nächsten Jahr soll die Erkundung Palästinas weitergehen. Aber vielleicht bin ich schon jetzt der Antwort zu einer Frage nahe gekommen:

Warum Menschen bereit sind, ihr Blut und ihr Leben für dieses Land zu geben.

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Ich danke Lisa und allen, die mir diese Reise ermöglicht haben, die vor und während der Reise meine vielen Fragen beantwortet und mir mit Rat und Tat geholfen haben, als es schwierig wurde, und ich danke allen, die mir für diese Reise Glück gewünscht haben.
Düsseldorf – Urdenbach, im Dezember 2015
Inge Bradinal